Cybersex nur einen Klick entfernt

 
Cybersex
Noch nie war sexuelle Versuchung so nahe - nur einen Klick entfernt. Immer häufiger suchen Familien Beratung, die durch die Internetsucht des Vaters in tiefe Krisen gestürzt werden.

Männer erleben die Internetsucht als inneren Krieg, der sie zu überwältigen droht und ihr ganzes Leben überschattet. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht einen Bericht über neue Fälle von Internet-Pornografie liest: «Porno-Lehrer zu Recht entlassen», «Pornobilder auf Unicomputer - ist der Professor noch tragbar?»

Wie ist es möglich, dass anständige Menschen, Familienväter, äusserlich unauffällige Menschen derartige Bilder auf ihre Computer laden, Stunden beim Surfen im Internet verbringen, Unsummen von Geld ausgeben und oft ihre ganze Karriere und ihren guten Ruf riskieren? Die bekannten Fälle sind nur die Spitze eines Eisbergs. Betroffen sind auch die Familien, die Frauen und Kinder dieser Männer.

Die große Enthemmung
Der Cyber-Psychologe John Suler spricht von «toxischer Enthemmung», die ganz entscheidend durch die Anonymität im Internet gefördert werde. «Du kennst mich nicht» und «Du kannst mich nicht sehen.» Diese Unsichtbarkeit gibt Menschen den Mut, Orte aufzusuchen und Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden.

Man braucht sich nicht darum zu kümmern, wie man aussieht oder wirkt. Was in manchen Bereichen des Lebens wünschbar wäre - ein Unbeschwertheit ohne Rücksicht auf Konventionen und Erwartungen - wirkt sich im Bereich der Internetsucht katastrophal aus, weil alle sozialen Hemmungen wegfallen.

Die folgenden Beiträge dieses Dossiers wollen Vorgänge rund um Cybersex so sachlich wie möglich beschreiben. Dabei wird nicht ein explizit wertendes Vokabular verwendet, sondern die Linie für «problematisches Verhalten» dort gezogen, wo eigene Werte verletzt werden und wo sich das Verhalten negativ auf Partnerschaft, Familie, Arbeit und Umwelt auswirkt.

Leben in einer erotisierten Kultur
Die Betrachtung von erotischen Bildern und Szenen ist so weit verbreitet, dass sich kaum jemand derartigen Inhalten entziehen kann. Sexualität als Teil des Menschseins führt bei der grossen Mehrzahl von Männern und Frauen zu physiologischen Reaktionen, die in ihrer sozial angepassten Form durchaus Sinn machen, Lust erzeugen und Beziehungen festigen können.

Doch gerade die Erzeugung von Lust birgt in sich auch die Gefahr der Entgleisung und der Suchtentwicklung. Es kommt zu einer einseitigen Sexualisierung intimer Beziehungsformen unter weitgehendem Verlust von Würde und Respekt für den Menschen als Ganzes - als Einheit von Körper und Gefühl, von Geist, Seele und Leib in seiner geschöpflichen Intention.

Unser eigener «Schatten»
Die Sexualisierung unserer Kultur konfrontiert uns aber mit unserem eigenen Schatten, unserem eigenen Umgang mit sexuellen Empfindungen, Phantasien und Vorlieben, mit unsern Mustern von Stimulation, Lust und Triebbewältigung.

Das Spannungsfeld von stabilen Werten und Überzeugungen auf der einen Seite und dem Bedürfnis nach Liebe, Sinnlichkeit und innerem Loslassen wird in den «Knotenpunkten» des Lebens besonders aktuell - in Zeiten von Entwicklungsschritten, Stress, angespannten Beziehungen und beruflicher Überlastung.

Neben den eigenen Anstrengungen um moralische Integrität ist es auch eine Gnade, wenn man nicht in suchtartiger Weise dem Sog von Netzinhalten jeglicher Couleur verfällt.

 
Cybersex
Beispiele

  1. Die 13-jährige Tochter möchte schnell mit dem Laptop des Vaters ins Internet. Dabei stösst sie auf ein Verzeichnis mit Tausenden von Pornobildern. In ihr bricht eine Welt zusammen. Der bewunderte Vater, der gute Lehrer, der aktive Christ - wie passt das zusammen?! Es kommt zu einem Zusammenbruch, sie weint nur noch, isst nicht mehr, geht nicht mehr zur Schule. Den Laptop wirft sie aus dem dritten Stock. Die ganze Familie ist in einer dramatischen Vertrauenskrise. In dieser Situation erfolgt eine Therapie.

  2. Der Pastor einer grossen Gemeinde setzt sich zusammen mit seiner Frau ganz für die Kirche ein. Immer nur geben, leiten, organisieren, andere beraten - für sie selbst bleibt keine Zeit. An einem Abend will Pastor D. noch schnell seine E-Mail checken. Ein freundlicher Text, ein Link, und plötzlich befindet er sich in einer Sex-Website. Er ist angewidert und fasziniert. Bald loggt er sich regelmässig ein, um sich zu entspannen. Zwei Monate später wird er vom Computertechniker der Gemeinde mit einem Ausdruck der Aktivitäten am Computer konfrontiert. In dieser Situation erfolgt eine Therapie.

  3. Eine 32-jährige Frau kommt mit starken Ängsten in die Therapie. Internet-Chatten hat ihr immer wieder geholfen, mit ihrer Einsamkeit umzugehen. Vor einigen Monaten hat sie im Chatroom einen Mann kennengelernt - zuerst nur virtuell. Man chattet, flirtet, fühlt sich angezogen.

Es kommt zu einem Treffen. Die Atmosphäre „knistert", es kommt zum Sex. Danach ist der Mann nicht mehr so interessiert; der Kontakt verliert sich. Plötzlich die Frage: Könnte ich HIV-infiziert sein? Was ist mit mir geschehen? Wohin hat mich meine Internetsucht gebracht?

Die eigentliche Bestimmung der Liebe, die Gemeinschaft von zwei Liebenden, wird in der Fixierung auf Online-Sex zum Gefängnis der Einsamkeit, dessen einziges Fenster ein Bildschirm ist.


Autor: Dr. med. Samuel Pfeifer
Quelle: „Internet-Sucht. Verstehen - Beraten - Bewältigen"

Bearbeitung: Lebenshilfe-net.ch



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