lebenshilfe-net.ch - 25.06.2024, 14:44
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Kinder, Krimi, Katastrophen

 
Kinder,Krimi,Katastrophen
„Heute braucht es gar keine Horrorfilme. Die Nachrichten bieten schon genug Schreckensbilder.“
Wie Eltern und Kinder mit Bildern von Gewalt und Tod im Fernsehen umgehen können.

Es scheint so gut wie unmöglich, Kinder vor der Wirklichkeit einer Welt zu bewahren, in der es immer neue Kriege gibt, in der Menschen verhungern, Naturkatastrophen und Unglücksfälle an der Tagesordnung sind und wo Kinder, die nur zum Spielen aus dem Haus gingen, ermordet aufgefunden werden.

Da braucht es gar keinen übermäßigen Fernsehkonsum, keine Action- oder Horrorfilme - die ganz normalen Nachrichten bieten schon genug Gewalt- und Schreckensbilder, die Kinder beunruhigen und ängstigen können. Viele Eltern fragen sich besorgt: „Wieviel Katastrophe kann ich meinem Kind zumuten? Was richten die Bilder vom Leiden anderer Menschen in der Seele meines Kindes an?"

Irgendwo kriegen sie's immer mit
Selbst ein radikaler Medienverzicht für die ganze Familie ist nur eine halbe Lösung; der nächste Fernseher, das nächste Radio, die nächste Zeitung findet sich mit Sicherheit bei Freunden, und in der Schule (oder sogar schon im Kindergarten) sind Schreckensnachrichten ein Thema. Der Nachwuchs lässt sich einfach nicht lückenlos vor dem medial vermittelten Leid schützen.

Die Brille der Erwachsenen
Günter Gugel, Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, rät gar von einer solchen „Bewahrungspädagogik" ab. Er hält es nicht nur für wenig aussichtsreich, sondern auch für wenig hilfreich, Kinder rigoros abzuschirmen.

Der Hamburger Medienpädagoge Norbert Neuß weist allerdings darauf hin, dass längst nicht alles, was Erwachsene schreckt, Kinder im gleichen Maß beunruhigt. So sei das Ausmaß der Anschläge von New York vielen Kindern erst durch die Reaktion ihrer Eltern deutlich geworden.

Sein Kollege Stefan Aufenanger betont, dass jüngere Kinder von abstrakten Fernsehnachrichten wenig berührt werden. Betroffen sind sie vor allem dann, wenn Bilder von verletzten, weinenden Menschen in Nahaufnahmen gezeigt werden, womöglich unterlegt mit emotionsgeladener Musik.

„Kann das mir auch passieren?"
Kinder können dann kaum Distanz aufbauen und neigen dazu, sich mit den Opfern zu identifizieren. Ängstlich fragen sie, ob der Krieg jetzt auch zu ihnen kommt, ob ein Flugzeug auch in ihr Haus rasen kann, ob die Welle sie ebenfalls erreicht oder ob sie selbst Opfer von Kinderschändern werden können.

Was hilft, solche schlimmen Nachrichten und Bilder zu verarbeiten? Grundsätzlich gilt: Ein Fernseher, der einfach nebenher läuft, ist hier sicher nicht hilfreich. Auch sehr kleine Kinder bekommen „nebenbei" viel mehr mit, als Erwachsenen wahrhaben wollen.

Schon einjährige Babys begreifen, welche Gefühle im Fernsehen vermittelt werden, und lassen sich in ihrem Handeln beeinflussen, fand die amerikanische Psychologin Donna Mumme heraus. Oft setzen sich Bilder, die Erwachsene als nebensächlich „ausblenden", bei Kindern fest und bekommen vor allem dann ein eigenes Gewicht, wenn sie nicht darüber reden können.

Bergende Gegenwart von Erwachsenen
Deshalb sollte grundsätzlich die Regel gelten, dass zumindest Vorschulkinder bei der Berichterstattung über Terror, Krieg und Gewalt nie ohne Anwesenheit Erwachsener fernsehen sollten. Allein die Tatsache, nicht allein zu sein, vermittelt ihnen das so wichtige Sicherheitsgefühl.

Auch dort, wo der Fernseher bewusst an- und ausgeschaltet wird, brauchen Kinder die Gelegenheit, Körperkontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen, Befürchtungen zu äußern, Ängste im Spiel auszuagieren.

Und sie brauchen das Gefühl, dass der eigene Alltag trotz allem Mitgefühl und aller Angst „normal" bleiben darf und von verlässlichen Beziehungen getragen ist: „Toben, spielen, spazieren gehen und kuscheln sind gute Möglichkeiten, Normalität und Gewohntes in den Alltag zurückzuholen", rät Wolfgang Zenz vom Kinderschutzzentrum Köln.

 
Belastende Bilder verarbeiten
Belastende Bilder verarbeiten

Auf keinen Fall sollten Eltern die Ereignisse, die ihre Kinder durch die Medien als furchterregende Realität erleben, leugnen oder verniedlichen. Dazu gehört auch, dass Eltern die eigene Angst, Sorge oder Traurigkeit zugeben. „Ja, das ist wirklich schlimm, was dort passiert ist. Die Menschen dort tun mir sehr leid. Können wir vielleicht etwas tun, um ihnen zu helfen?" Wichtig ist, mit den Kindern ihrem Alter angemessen über das Geschehene zu reden, ohne sie mit zu vielen Informationen und Zusammenhängen zu überfordern.

Eltern, die auch auf ein religiöse Erziehung wert legen, haben eine zusätzliche Möglichkeit: Sie können angstmachende Bilder und Meldungen abends im gemeinsamen Gebet mit ihren Kindern ansprechen und in gewissem Sinn ablegen, vielleicht mit stellvertretenden Worten, die das Kind selber nicht nicht findet. Danken Sie dann auch für Positives.


Buchtipp
Tilmann Gangloff: Schlechte Nachrichten - schreckliche Bilder.
Mit Kindern belastende Medieneindrücke verarbeiten,
158 Seiten, 8,90 Euro, Herder-Verlag


Autorin: Karin Vorländer, verheiratet, vier Kinder
Quelle: Neues Leben

Bearbeitung: Lebenshilfe-net.ch, Lothar Mack

 



 
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